Von Kafka beseelt

Gruß dem Schriftsteller und Literaten Ibrahim Watfe
Übersetzer des Gesamtwerks Kafkas

 

Der in Deutschland lebende arabisch-syrische Schriftsteller und Übersetzer Ibrahim Watfe stellt ein einzigartiges Vorbild in der modernen arabischen Kultur dar. Kaum wurde jemand wie er in dieser unserer Kultur von einem bestimmten Thema derart beherrscht. Er investiert dafür alles an Zeit, Geld, Gesundheit und Lebenskraft, damit er uns am Ende voller Freude, Glück und Stolz das Ergebnis seines Engagements und seiner Mühe anbietet, zufrieden mit unserem Dank und unserer Verbundenheit. Mehr erwartet er nicht, weder Ruhm noch Reichtum oder andere Äußerlichkeiten unseres vergänglichen Irdischen Lebens. In der Tat erhielt er seinen Lohn, indem er das leistete, was er sich zu leisten wünschte. Mehr nicht. Dieses genau ist sein unschätzbarer Verdienst. In unserer Kultur ist ein Vorbild wie Ibrahim Watfe selten, in der westlichen Kultur dagegen häufig vorhanden. Das letzte Beispiel ist jener englische Schriftsteller, der drei Jahrzehnte seines Lebens mit der Edition des Gesamtwerks des berühmten Schriftstellers George Orwell verbrachte. Dass er seine Arbeit vollenden konnte, war sein höchstes Glück.

Das Thema unseres arabischen Literaten Ibrahim Watfe ist die Übersetzung Kafkas ins Arabische und seine richtige und fehlerfreie Vorstellung bei den arabischen Intellektuellen und Lesern, die meistens über Kafka nichts weiter wissen, als dass er jener wunderliche Mensch ist, der eine Geschichte über einen Mann schrieb, der sich in eine Grille verwandelte. Ohne Zweifel ist dieses nur eine Version unserer zahlreichen oder unzähligen Trauerfälle, die die Sümpfe unserer fauligen Kultur entstehen lassen. Unsere Intellektuellen – sagen wir. Die meisten von ihnen, damit wir der benachteiligten Minderheit kein Unrecht tun – wissen z. B. nicht, dass Kafka (in Prag geboren wurde, dort lebte und auf Deutsch schrieb) der ersten Generation dieses Jahrhunderts angehörte und in der kommunistischen Tschechoslowakei verboten war. Ihre Herrscher erkannten die Gefahr, die ihnen von Kafka drohte, obwohl er kein einziges Wort gegen den Kommunismus sagte. Sie verboten ihn, weil er die Herrschaft. Die Willkür, den Bürokratismus, die Fäulnis und die Gemeinheit verurteilte. Dieses alles waren, wie sie wussten, ihre Merkmale und auch die Merkmale vieler anderer despotischer Regime. Kafka war aber kein ideologischer Kämpfer oder begeisterter Redner. Kafka war ein sensibler Dichter, ein Mensch, der den Pfaden der Propheten nahe war, er war ein existezieller Philosoph, scharf blickend, scharfsichtig.

Dieses ist Kafka, von dem Ibrahim Watfe wollte, dass wir ihn kennen lernen sollten.

In den vorigen zwei oder drei Jahrzehnten lasen die arabischen Leser einige Werke kafkas, u.a. seine drei Romane: „Der Prozess“, „Das Schloss“ und „Amerika“ und seine Novelle oder Kurzroman „Der Verwandelte“ oder „Die Verwandlung“ – wie Ibrahim Watfe übersetzt -, sowie einige seiner anderen Erzählungen. Aber all diese Werke sind von englischen oder französischen Übersetzungen übersetzt, bis auf ein einziges Werk, sein Roman „Das Schloss“, den der ägyptische Akademiker Dr. Mustafa Maher direkt vom Deutschen übersetzte. Ibrahim Watfe übernimmt die Übersetzung Kafkas Gesamtwerks direkt vom Deutschen. Das ist nicht der einzige Vorzug dieses ehrgeizigen Projekts, sondern es zeichnet sich auch dadurch aus, dass es eine programmatische, organisierte und wissenschaftliche Übersetzung des kafkaischen Erbes ist. Es ist also keine reine planlose, selektive Übersetzung, sondern eine geduldige, bedächtige und objektiv und geschichtlich geordnete Übersetzung. Watfe zeichnet sich nicht nur durch seine Beherrschung der deutschen Sprache aus, sondern er ist in dieser Sprache versiert, er kennt ihre Feinheiten und Besonderheiten. Er hatte bereits eine Vielzahl bedeutender literarischer und theatralischer Werke anderer deutscher Schriftsteller übersetzt. Außerdem zeichnet er sich durch seine Genauigkeit aus und er ist bestrebt, die korrekteste Übersetzung des Textes zu erzielen. Er konzentriert sich sehr. Es ist hier nicht erforderlich, auf seine reine, genaue und fehlerfreie arabische Sprache hinzuweisen, die jeder genießt, der das Glück hat, ein Werk seiner Übersetzung zu lesen.

Der Literat Ibrahim Watfe hat bereits zwei Bücher übersetzt und veröffentlicht. Sie enthalten einige Texte Kafkas und eine ganze Menge Informationen über Kafka, seine Persönlichkeit, sein Leben, seine Umwelt, seine Zeit und vieles andere. In den letzten Wochen veröffentlichte er einen umfangreichen Band von 848 Seiten, der die beiden vorherigen Bücher und zwei neue Bücher enthält. Damit hat er ein beträchtliches Stück zurückgelegt, aber sein Drittel oder sein Viertel noch nicht erreicht, es bleiben noch die Romane, viele Erzählungen, die Tagebücher und die Briefe. Der Roman „Der Prozess“ aber ist offensichtlich schon fertig gestellt, denn der Übersetzer/Autor nennt bereits das Inhaltsverzeichnis des Buches, das den Roman mit Interpretationen enthalten wird.

Diese führt uns zu Watfes Methode bei der Übersetzung von Kafka und seiner Vorstellung bei den arabischen Lesern. Watfe bringt erst das übersetzte Werk, dann Hinweise, Interpretationen und Kommentare, die sich nicht damit begnügen, das übersetzte Werk zu interpretieren und zu kommentieren, sondern er stellt es in den Rahmen des Gesamtwerkes Kafkas und seines Lebens. So verfuhr er mit der Erzählung „Das Urteil“ im ersten, mit dem „Heizer“ im zweiten, mit der „Verwandlung“ im dritten und mit dem „Brief an den Vater“ im vierten Buch.

Kafkas „Gesamtwerk“ im Arabischen von Ibrahim Watfe besteht aus folgenden sechs Bänden:

  1. Erster band: Die Erzählungen
  2. Zweiter Band: Der Roman „Der Verschollene“
  3. Dritter Band: Der Roman „Der Prozess“
  4. Vierter Band: Der Roman „Das Schloss“
  5. Fünfter Band: Die Tagebücher
  6. Sechster Band: Die Briefe

Watfe schreibt: „Nicht jeder Band wird in einem Buch veröffentlicht, sondern es wird eine andere Teilung geben, nämlich nach den Themen, die Kafka in seinem Werk behandelte. Jedes Thema in einem Buch. Die drei Roman-Bände werden drei Teilen entsprechen, während jeder andere Teil Texte von der Erzählungen, Tagebücher und Briefe umfassen wird“.Und so geht es in dem jetzt erschienenen Band um die Familie, währende der Roman „Der Prozess“, der bald erscheint, im Rahmen des Motivs „Das Selbst“.

Die Werke Kafkas werden im Arabischen chronologisch veröffentlicht, was bis jetzt erschien, ist das Frühwerk.

Watfe erklärt seinen Arbeitsplan für dieses gewaltige Projekt, das jede Förderung durch Personen, arabische offizielle und nicht-offizielle Institutionen verdient, und schreibt: „Kafka schrieb die in diesem Band gesammelten vier Werke innerhalb von sechs Wochen. Icharbeitete an diesem Band neun Jahre ununterbrochen, bis auf sechs Monate Erkrankung (dieser Zeitunterschied passt vielleicht zum Unterschied zwischen einem Genie und einem Kleinangestellten). Das aber bedeutet nicht, dass jedes Buch vom Gesamtwerk so viel Zeit braucht. `Das Urteil` brauchte fünf Jahre. `Der Heizer`, `Die Verwandlung` und `Brief an den Vater` brauchten zusammen dreieinhalb Jahre. Jedes weitere Buch wird weniger Zeit benötigen. Bei der Zusammenstellung des Buches `Das Urteil` begann ich die Zusammenstellung des `Gesamtwerks`: Studien, Vorbereitungen etc. sind für das `Gesamtwerk` bereits geleistet. Und ab dem dritten Band werden die Studien viel weniger umfangreich, da der arabische Leser dann `den Faden` hat und nicht mehr viele Studien benötigt“.

Watfe schreibt: „Kafka lebte 40 Jahre und 11 Monate. Er verbrachte sein ganzes Berufsleben als `Beamter`, es wurde ihm nicht ermöglicht, sich ausschließlich seinem Schreiben zu widmen. Er schrieb während seiner Freizeit, an Feiertagen und in den Nächten. Er schrieb sein Gesamtwerk innerhalb von elfeinhalb Jahren, zwischen September 1912 und März 1924. Er starb, bevor er seine Botschaft beendete. Er starb verarmt. Aber der deutsche Verlag, der seine Bücher gegenwärtig verlegt, gewinnt Millionen Mark jährlich an diesen Büchern. Vielleicht ist die Frage erlaubt: Was hätte Kafka alles geschrieben, wäre es ihm möglich gewesen, sich seinem Schreiben intensiv zu widmen und wenn er lang gelebt hätte?

Watfe endet mit folgenden Zeilen:

„Kafkas Übersetzer verbringt sein Leben als Kleinangestellter, übersetzt in seiner Freizeit, an Feiertagen und in den Nächten. Aber im Gegensatz zu Kafka fand er nicht mal einen Verlag, der bereit ist, dieses `Gesamtwerk` zu verlegen“.

Diese letzten Zeilen zeigen, wie weit der Übersetzer seine tiefe Bindung zu seinem Dichter fühlt, da findet er große Kongruenz zwischen ihren Leben. Sie zeigen auch, wie erheblich die Schwierigkeiten sind, die dem Übersetzer bei der Veröffentlichung seines bedeutenden Projekts entgegentreten. Hier wiederholen wir nochmals unseren Aufruf für eine breite Unterstützung in jeder Hinsicht, damit dieses Projekt das Licht der Welt erblicken kann.

Dieser gewaltige Band umfasst neben den Texten von Kafka zahlreiche Interpretationen, Analysen und Informationen, die als ein einzigartiger Schatz an Wissen über Kafka gelten können und zum ersten Mal im Arabischen veröffentlicht werden. Darüber hinaus enthält der Band zahlreiche Fotographien seiner Familienmitglieder, Fotokopien seiner Handschrift und Titelseiten seiner Bücher auf Deutsch.

Unseren herzlichen Dank dem Schriftsteller und Literaten Ibrahim Watfe. Wir wünschen ihm die Vollendung seines Projektes, denn dieses – und gewiss wird er mit uns übereinstimmen – ist vor allem anderen der größte Erfolg, den er erhofft.

 

Al-Sayyed Hussein

„Al-Arab“ (London), 29.07.1999

 


 

Kafka

Das Labyrinth der Realität und die Realität des Labyrinths

 

“Literaturnachrichten”
(Wöchentliche Zeitschrift, Kairo)

 

Sehr geehrter Herr Ibrahim Watfe,

mit großer Begeisterung verfolgten wir dein Projekt der Übersetzung Kafkas und möchten Ihnen mitteilen, dass wir ein Sonder-Heft über diesen großen Schriftsteller vorbereiten. Wir würden uns freuen und es würde uns beehren, wenn Sie daran teilnehmen würden mit einem Beitrag über Ihr Projekt der Übersetzung dieses großen Schriftstellers und darüber, wie Sie durch ihn beeinflusst worden sind.

Wenn wir Ihnen dies spät mitteilen, dann geht das darauf zurück, dass wir lang versuchten, Ihre Email-Adresse zu finden. Nun haben wir sie endlich, und wir erwarten Ihren Beitrag, damit er im Dossier, das bald erscheint, mit veröffentlicht wird.

Falls Sie daran nicht teilnehmen können, bitten wir, uns dies mitzuteilen.

 

Hassan Abdel Maujud

Mit aller Liebe und Hochachtung

Cairo, den 24.12.2004

 

(Am 3. Juli 2005 erschien dann das Sonder-Heft / Nr. 625 unter der 0bigen Überschrift:

Es enthält:

  1. Einen Leitartikel mit dem Titel „Über Kafka“, geschrieben vom Herausgeber Gamal Elghitany, der auch als zweitwichtigster arabischer Romancier bekannt ist. In diesem Artikel hält er Kafka für „einen der wichtigsten Dichter in der Menschheitsgeschichte“, den man in jeder Zeit braucht. „Der in Deutschland lebende syrische Literat Ibrahim Watfe widmete sich lebenslang dem Studium Kafkas, seine vertieften Auslegungen und Studien in den beiden Bänden sind die ersten ihrer Art in der literarischen Übersetzung in der arabischen Sprache überhaupt“. Elghitany empfiehlt einem bestimmten großen ägyptischen Verlag, die beiden Bände zu übernehmen. Kafkas Erzählung „Das Urteil“ sei der Text, der Kafkas Gesamtwerk gegründet hätte. „Wir veröffentlichen sie in diesem Heft in der Übersetzung von Ibrahim Watfe“.
  2. Einen Aufsatz mit dem Titel „Kafkas Notwendigkeit“, geschrieben vom Romancier Mahmud Al Wardani.  Er las in seiner Jugend Kafka und neulich entdeckte er ihn wieder durch „die gewaltige Leistung des großen Übersetzers und Kritikers Ibrahim Watfe, den ich die Ehre nicht hatte, ihn persönlich kennen zu lernen. Er verbrachte einen großen Teil seines Lebens damit, Kafka zu lesen, zu übersetzen, über ihn und über die Beziehung zwischen seinem Werk und seinem Leben zu schreiben, in einer Art und Weise, die ich bisher nicht kannte. Ibrahim Watfe ermöglichte mir, Kafkas Leben, die Orte, in denen er lebte, seine Beziehung zu seinem Vater, seinen Misserfolg mit allen Frauen, die er kannte, seine Schreibweise, seine Biographie und die Entstehungsdaten seiner Werke zu betrachten und darüber nachzudenken“… „In meiner Jugend las ich Kafka und in der Reife des Alters las ich viele seiner Werke noch einmal. Was mich in Erstaunen versetzt, ist, dass Kafka noch frisch und gegenwärtig ist, als ob er in unseren Tagen geschrieben hätte“… „Sein `Brief an den Vater` ist großartig, eine Kostbarkeit“. „Was mich betrifft, legte der Gelehrte Ibrahim Watfe den Streit um Kafkas Zionismus endgültig bei. Er führte bestimmte Texte und Tatsachen an, die mich ganz überzeugten. Kafka ist viel größer, als dass man ihn in dem Käfig des Zionismus einsperren könnte. Hinzu kommen noch die schneidenden Texte, die Ibrahim Watfe im ersten Band seines gewaltigen Werks anführt“. (Anm.: der neueste Roman des Al Wardani ist eine Nachahmung von Kafkas Roman „Der Prozess“. I.W.).
  3. Die Erzählung „Das Urteil“, entnommen wörtlich dem ersten Band, mit einem langen Vorwort, mit aus dem Band ausgewählten Zitaten, dann: „Der Übersetzer ist Ibrahim Watfe, der sich lebenslang der Übersetzung Kafkas widmete; man kann kein Sonderheft über Kafka machen, ohne über Watfe zu sprechen. Im Jahre 1957 las er die Erzählung „Die Verwandlung“, sie beherrschte seine Gefühle, er wusste nicht warum. Er fühlte die Wichtigkeit dieses literarischen Werkes und die Bedeutung Kafkas, der in seinem Leben eine Rolle spielen würde. Anfang 1963 zog er von Syrien nach Deutschland. Nachdem er die deutsche Sprache lernte, war  Kafkas „Erzählungen“ das erste Buch, dass er sich kaufte. In seinem Germanistik-Studium konzentrierte  sich Watfe auf das Studium des Gesamtwerk Kafkas und seit jener Zeit  wurde seine Beziehung zu dem Dichter nicht unterbrochen. Er las mehr als hundert Bücher und mehrere hundert Aufsätze über ihn, es vergeht keine Woche, ohne dass er Neues über Kafka liest. Hier bringen wir seine wunderbare Übersetzung der Erzählung „Das Urteil“.
  4. „Der Mensch besitzt seine Freiheit / Er soll nur sagen: `Ich selbst`!“ entnommen dem ersten Band (S. 73-84, Kafkas Text „Jeder Mensch ist eigentümlich“, bei Neumann S. 103-115), mit einem langen Vorwort, mit aus dem ersten Band ausgewählten Zitaten.
  5. „Zeittafel über Kafkas Leben und Werk“, entnommen dem ersten Band, S. 152-159.
  6. „Kafkas Interpretationen“, entnommen dem ersten Band, S. 177-193.
  7. „Kafkas Identität“, entnommen dem ersten Band, S. 205-214.
  8. „Erzieherin in der Familie Kafka erinnert sich“, mit einem Vorwort entnommen dem ersten Band, S. 290 – 300.
  9. Ankündigung, bald „Brief an den Vater“ im Wortlaut zu veröffentlichen.

 

Das Sonder-Heft enthält noch vier weitere Beiträge:

1.        „Aus Kafkas Tagebüchern“, von einem anderen Übersetzer, versehen mit vielen Bemerkungen und Zitaten aus dem ersten Band „Gesamtwerk“.

2.        „neun Szenen aus Kafkas Leben“.

3.        Zwei Gespräche mit zwei weiteren Kafka-Übersetzern.

4.        Umfrage über Kafkas Wirkung bei 15 arabischen Schriftstellern. 14 positive Beiträge, der 15. Schriftsteller  meint, Kafka sei „langweilig“. Der Nobelpreisträger Nagib Machfus sagt u.a. „Der Prozess“ sei das seinem Herzen am nächsten liegende Werk Kafkas.

 


Verrat an Kafka

Seine Nacht ist immer noch zu wenig Nacht

 

Jede neue Rückkehr zur Lektüre von Kafkas Arbeiten ist ein Verrat an seinem Testament („verbrenne diese Kritzeleien“), das sein Freund Max Brod nicht vollstreckte. Denn diese Lektüre stellt uns von Angesicht zu Angesicht vor einen Dichter, den wir noch nicht entdeckten; früher bildeten wir uns ein, ihn zu kennen. Unsere Sehnsucht nach Kafka, von dem wir glauben, dass wir ihn kennen und seine Welt erfahren, wird von Kafka, den wir jetzt treffen, vernichtet; so, als ob wir ihn zum ersten Mal treffen. Es scheint mir sogar, die Mengen an Papier wurden geschrieben, um seine Symbole zu interpretieren, seine Seltsamkeiten aufzuzählen, seine mit Wundern angereicherte Luft zu atmen, doch man hat die Maske vom Gesicht jenes Dichters nicht weggezogen, der zugab, dass sein Leben aus Schreibversuchen besteht, sondern seine Undurchsichtigkeit vermehrt und ihn in den mit Zweifeln eingezäunten Ort gestellt. Jede neue Lektüre der Dichtung Kafkas lässt die vorherige Lektüre bezweifeln, obwohl der Leser gut erkennt, dass Kafka, den er früher las, nichts anderes war als Illusion. Er bemüht sich, ihn die neue Lektüre zur Wahrheit führen zu lassen. Aber der Weg, der zu Kafka führt, gleitet oft auf Nebenwege, die vorbildliche Verkörperung des Labyrinths eines Mannes, der nach Einsamkeit verlangend sagte: Die Nacht ist immer noch zu wenig Nacht. Die Rückkehr zu Kafka rückt ihn weg von dem Ort, den er in der Erinnerung besetzte. Es erscheint ein neuer Kafka, der eine Fragenquelle ist nach Interpretationen, mit denen wir uns vorher nicht versöhnten: Es scheint mir, Kafka, dessen literarisches Alter nicht elfeinhalb Jahre überschritt (von September 1912 bis März 1924) und der Zeit seines Lebens nicht mehr als zwei hundert Seiten veröffentlichte, wusste, dass das Geheimnis des Elends, das er frühzeitig entdeckte und in seinen drei Romanen, die er nicht veröffentlichte, zum Ausdruck brachte, der zentrale Punkt des künftigen realistischen Lebens sein wird.Deswegen ordnete  er das Verbrennen seiner drei Romane an, weil sie nach seiner Auffassung keinerlei Rezept oder Lösung enthalten, sondern nur eine seltsame moralische Idee, die der Liste  der traditionellen Ideen Neues hinzufügt;Ideen, denen wir uns resignierend unterwerfen, wie die Liebe, Aufopferung und Hingabe etc … Die Erniedrigung ist die neue unsterbliche Idee, die Kafka hinzufügte und die so viel Interesse verdiente, so dass Unmengen von Papier  mit Schriften über sein Werk gefüllt wurden.

 

2

„Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet“. Kafkas erster Satz in seinem Roman „Der Prozess“ wiederholten später Millionen Zungen in unserem mit Unrecht, Willkür und Unterdrückung vollen Zeitalter. Er wurde zu einem vulgären, verbreiteten, ordinären und abgenutzten Satz, der möglicherweise nichts Bestimmtes meint. Denn er sagt nur, was man nicht mit Leichtigkeit erkennt und versteht: Die Mechanismen der Macht in der Konfrontation mit dem Einzelnen. Und weil die Macht ein abstrakter Begriff ist, fand der Mensch durch ihn eine Art von Kraft. Denn die Macht wurde zum Zeichen von Erniedrigung des Anderen, dem Schaden zugefügt wird, nur weil er ein Anderer ist. Nach Kafka wurde die Welt kafkaesk. Sicherlich war die Welt auch vor ihm so, aber jenen Satz hat keiner vor ihm geschrieben. Kafka formulierte das Geständnis, das ein Teil der Tagebücher der Menschheit von Chile bis China geworden ist. Es gab immer einen verleumdeten Josef K., der zum Gefängnis geführt wird, ohne dass er etwas Böses getan hätte. Kafka wurde ein Adjektiv. Das ist, was uns ins Missverständnis stürzte. Kafka wurde zum Zeichen des Pessimismus, der Melancholie und des Schreckens. Es wird gesagt, Kafka war nach Auffassung seiner tschechischen Landsleute ein humoristischer Schriftsteller. Meine Lektüre seiner Romane qualifizierte mich bis jetzt nicht, diese groteske Überzeugung zu begreifen. Aber ich denke an den Abstand, der uns von ihr und ihrer Zeit trennt. Es ist ein Abstand, der vom Missverständnis bewacht wird. Lauschte Kafka zum Beispiel einer krankhaften Einbildungskraft, die Produkt seiner komplexen, persönlichen Fremdheit war, oder hütete er eine Prophetie, die er geheim lassen wollte bis nach seinem Tod?

 

3

Oft beginnt Kafka seine Erzählung mit dem Satz, der alles sagt, einem Satz, ähnlich wie der Schluss. Als ob er umgedreht schreiben würde, der Mann, der heute als einer der größten Klassiker des modernen Schreibens gilt. Diese seine schockierende Technik stellt den Leser in einen Brutkasten einer neuen Lektüre, die sein Erziehen lektürerisch neu macht. Denn der Satz, der alles sagt, begleitet ihn bis zum Ende wie ein schwebendes Fragezeichen. Daher kann ich sagen, Kafka war bestrebt, eine fragende Art von Lesern zu bekommen, eine Art, die ihm gleicht und sich vergleicht mit seinen Figuren, die gedrängt werden, ihrem fremden Schicksal entgegenzutreten. Der erste Satz in seiner Novelle „Die Verwandlung“ sagt: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“. Die Novelle beginnt also vom Ende her. Die menschliche Kreatur, die Gregor Samsa war, hat zu existieren aufgehört, damit der Lebenslauf des in seinen Tiefen verborgenen Insekts beginnt. Jenes Insekt konnte das Licht nicht sehen, ohne die bitteren Erfahrungen, die Samsa zu einem Labor für Demütigung, Erniedrigung, Isolierung und Unterordnung machte. Nach dieser Verwandlung erlebt der Leser die Absurdität des genussreichen Lesens. Während das Insekt sein Leben weiterführt, gibt es einen Widerstand leistenden menschlichen Aspekt, der sich auf einen Bereich voller unerfreulicher Entdeckungen erstreckt; es ist das beunruhigende Gelände, in das Kafka seinen Leser stellt. Ihm wird klar, die Entfremdung Samsas in seiner Form als Ungeziefer ist seine (des Lesers) Entfremdung als Mensch. Er ist überflüssig und unnötig; seine Arbeit hatte Anderen Geborgenheit gebracht und ließ sie die Wohltat des Faulenzens kosten. Während Kafkas Leser nach etwas suchend zwischen den Zeilen wandert, hört er nicht auf zu fragen, ob vielleicht das Ende von Samsas Leben bloß eine Art von Scherz war, den eine vorübergehende Müdigkeit diktierte. Dieser Wunsch trifft aber auf das traurige Ende, das die Frage des Lesers zu einem kafkaischen Zweck macht.

 

4

Ich frage mich jetzt: Warum bemühten sich viele (an ihrer Spitze steht der reumütige Kommunist Rouje Garoudi), den Realismus Franz Kafkas nachzuweisen? Denn Kafka war und ist immer noch der realistischste Dichter unter den Dichtern unserer Zeit. Man wäre geneigt zu sagen, sein Realismus inspiriert der Realität noch mehr unreife Realität. Ich erinnere mich, dass icheines Tages während eines Rundgangs in einem schweizerischen Museum vor dem entsetzten Hund von Jiakomtiin stand und nur noch an mein eigenes Entsetzen dachte, wie ich in dem Hund eine Prophetie für das sah, was mich später persönlich ereilte. Mit Sicherheit gibt es Millionen von Menschen, die nach der Lektüre der „Verwandlung“ zu der Überzeugung gelangten, dass Samsa nichts anderes war als prophetische Spiegel für sie, für ihr mit Angst, Entfremdung und Umherirren erfülltes Kommen. Ihr verspätetes Erscheinen bedeutet nicht die Erstaunlichkeit der Welt, die Kafka erfand. Sie können sagen: Wir kamen verspätet aus der Wahrheit, und so kehrt jedes Wort, das Kafka schrieb, an seinen realistischen Platz zurück. Viele standen ratlos vor einer Frage wie: Wer gehört dem Anderen, die Realität oder Kafka? In dem Sinn, war Kafka realistisch oder wurde die Realität kafkaesk? In Wirklichkeit war Kafka vor allem kafkaisch, in dem Sinn, der sein persönliches Leben, das nicht vierzig Jahre und einige Monate überschritt, als Maßstab für die Erfahrung der gesamten universellen Schöpfung macht. Kafka sah sein persönliches Leben vom Aspekt seiner symbolischen Dimension her, als ein mögliches Leben, das keinem bestimmten Einzelnen gehört, auch wenn es ihn als sein Opfer auswählte. Daher war das Beschreiben nicht seine Sorge, sondern er sagte die Wahrheiten, die er von seiner Sensibilität her prüfte, als Schöpfer, der in einer historischen Eingebung erschien. Charles Dickens wirkte auf ihn, aber er besaß die fröhliche Phantasie nicht, die ihm erlaubte, Figuren in Form von Alice im Wunderland zu erschaffen. Daher war Kafkas Realismus kein interpretationelles Wunder, sondern eine erneute Lektüre kann uns den Verrat  fühlen lassen, nicht weil wir seine Kritzeleien nicht verbrannten, sondern weil wir ihm nicht gut zuhörten, denn das Hören auf ihn könnte uns vom Schicksal des Endes Samsa´s  retten.

 

Farouk Josef

„Alquds Alarabi” (London), 10.07.2005 

 

 


 

 

Wenn der Leser ein verborgener Gefährte ist

 

Watfe und Akhrif sind verzauberte Gäste

am Tisch Kafkas und Pessoas

 

1

„Betrachten Sie mich bitte als Traum“, der portugiesische Dichter Fernando Pessoa könnte es sagen anstelle des deutschen Dichters (tschechischer Herkunft und Lebensart) Franz Kafka. Er hat es wirklich gesagt durch seine Gefährten, die drei Dichter, die er erfunden hat, damit jeder von ihnen eine dichterische Existenz stiftet, die sich von seiner eigenen unterscheidet… Pessoa lebte vier Leben … Kafka aber war es nicht beschieden, mehr als ein Leben zu leben; daraus schied er enttäuscht, seine Enttäuschung verfolgt uns wie ein erschreckter Panther. Die beiden Dichter kamen, damit sie entschwanden, als sie fühlten, dass ihr Kommen möglich wurde. Das ist genau das, was die Träume tun.

… (sechs Verse)

 

2

Pessoas Versen kann man Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ المسخ (oder الانمساخ in Ibrahim Watfes Sprache) zufügen. Jede Zeile von Kafkas kurzem Roman erinnert an diese Verse.

… (Vergleich zwischen Gregor Samsa und einer Figur bei Pessoa).

 

3

Die Kapitelfolge im wichtigsten Roman Kafkas verwirrt immer noch die Forscher, das Gleiche gilt für Pessoa. Die Hefte, in denen die beiden Romane niedergeschrieben wurden, sind nicht nummeriert und die Kapitel tragen keinen Hinweis auf deren Folge. Mit Ausnahme vom ersten und letzten Kapitel bei Kafka wurde die Ordnung der Kapitelfolge Gegenstand  vieler Bemühungen …wie bei Kafka, so auch bei Pessoa… Die Verzweiflung der beiden Dichter erklärt diese Tat nicht, sondern ich kann mir vorstellen, dass sie spielten, um einen Leser zu finden, dessen Genie ihre beiden Romane, die mit der Zeit zu Rätseln wurden, zu ihrer Originalform führen würden. Pessoa sagte: „Ich konnte nie ein Buch lesen, indem ich mich ihm ergebe, mit jedem Schritt kommt der Kommentar (von der Phantasie), der die Erzählfolge unterbricht. Nach Minuten werde ich der Schreiber des Buches, und was drinnen ist, steht in keinem Buch“.

 

4

Ibrahim Watfe bietet seine Eigenschaft als Leser an. Das ist, was auch Ahkrif im Bezug auf Pessoa macht. Auf den ersten Blick scheinen die beiden ein ungeheuerliches Maß an moralischer Bescheidenheit zu haben, im Gegensatz zu dem, was sie leisteten an Übersetzung, Forschung, Verfassung und Untersuchung. Die Verlockung jener Bescheidenheit aber zeigt schnell die Wahrheit des Begriffs „Leser“ bei beiden Schriftstellern. Und mit dem versuchten sie, sich in die arabische Kultur einzuschleichen durch ihre beharrlichen, unermüdlichen, sorgfältigen, geduldigen, vollendeten und eleganten Bemühungen. Es ist der gleiche Begriff, der in Pessoas Satz steckt: Der Leser, der sich den Schriftsteller aneignet und dessen er sich bemächtigt, wird sich mit ihm identifizieren in einem entgegenwirkenden Schaffungsmoment. Er plagiiert ihn nicht, sondern er ergänzt seinen Weg, jedoch mit anderen Werkzeugen und Instrumenten. Der Leser hier wiederholt die Schrift mittels einer anderen Sprache, nicht nur, indem er übersetzt, sondern auch, indem er in Umlauf setzt, was er durch sein Denkvermögen an visionären Aufdeckungen erlangte. Watfe gestattet sich zum Beispiel, eine neue Kapitelfolge für Kafkas Roman „Der Prozess“ vorzuschlagen. Er, der  von Kafka entzückt und begeistert ist, würde das nicht tun, hätte er gefühlt, seine Tat würde irgendeinen Kratzer im Lebenslauf jenes großartigen Romans bedeuten, sondern seine Verinnerlichung Kafkas diktierte ihm diese Art Eingebung. Watfe und Akhrif (vielleicht kennen sie einander nicht) sind Typen des einzigartigen Lesers, den Pessoa vorschlug und Kafka verzweifelte, ihn zu finden, und er ist es, der sagte: „Ich strebe nicht nach Sieg“. Aber gilt das  Erscheinen eines Lesers vom Niveau und von der Art  Watfes, oder Akhrifs, nicht als Sieg des Schreibens?

 

5

Vor dreißig Jahren las ich Kafka, alle seine Romane waren übersetzt. Als ich ihn aber in der Sprache Ibrahim Watfes las, kam ich zu der Überzeugung, dass das, was wir kannten, nicht Kafka war, sondern sein Schatten. Wir erfanden das Gespenst Kafkas, weil wir es brauchten. Wir begnügten uns mit jenem Gespenst, bis Watfe erschien, damit er uns das Original bringt, denn der Mann verbrachte die dreißig Jahre, die wir damit verbrachten, die Illusion Kafka in unseren Spiegeln immerfort zu sehen, mit der Suche nach der Wahrheit Kafkas. Es ist eine beispiellose Arbeit, so gut wie ein Wunder  in unserem arabischen Leben und unserer arabischen Kultur, dass ein Intellektueller sein ganzes Leben einem bestimmten Universaldichter widmet, soll ich sagen für uns? Was Watfe machte, machte auch Akhrif, als er den Arabern einen Dichter schenkte, der notwendig und entscheidend in seiner Modernität ist. Nach den beiden können wir sagen: Wir kennen Kafka und Pessoa, wir kennen sie, als ob sie für uns geschrieben hätten, gewiss taten sie es. Watfe teilt uns die Namen einer Vielzahl von deutschen Kafka-Lesern mit, das sind jene Forscher, die sich verschworen haben, wie Watfe selbst es gemacht hat, damit die Undurchsichtigkeit des Dichters, für den sie sich begeisterten, realistisch und tiefsinnig wird. Ich bin überzeugt, dass Akhrif die gleiche Neugierde wie Watfe besitzt. Ein Leser dieser Art ist der Gesandte des Dichters und der Träger seiner Botschaft, der nicht aufhört mit der Ausgrabung eines Funkens, der sich in sich selbst noch zurückzieht. Dieser Leser ist der Kompass, der mit lebendiger Phantasie arbeitet, die das Lesen an die Grenzen seines richtigen Verstehens führt: Eine intuitive Tätigkeit, die von ihrer Notwendigkeit her gleichwertig ist mit dem künstlerischen Schaffen.

 

Faruk Josef

Al-quds Al-arabi (London), 19.10.2005    

 

 


 

Meine Entschuldigung bei Kafka

und seinem arabischen Herausgeber

 

Vor Jahren, vielleicht fünf, schrieb ich einen Artikel über das Buch „FranzKafka: „Gesamtwerk mit Interpretationen“ (zweiter Band) mit der Überschrift „Kafkas Übersetzer“. Es war einer meiner täglichen Artikel in der Glosse auf der letzten Seite der libanesischen Tageszeitung „Alschark“ (Der Osten). Damals lobte ich die Bemühung des syrischen Übersetzers Ibrahim Watfe, aber anstatt die Gründe dieses Lobs klarzustellen, spottete ich über den Inhalt des Bandes, genau genommen über den ausführlichen Dialog, den der Übersetzer mit dem deutschen Kafka-Interpreten Christian Eschweiler führte (der Band enthielt ein ganzes Buch von ihm über Kafka), über seine langen Zitate der Aussagen Adonis über die Dichtung und über das mehrmalige Erwähnen seiner Ehefrau, ohne ihren Namen zu nennen. Es war also kein Kritik-Artikel, sondern eine hastig geäußerte Meinung in einer Tagesglosse, die nicht für Kritik bestimmt ist.

     Vor einigen Wochen erhielt ich Post aus Deutschland. Ich öffnete den Umschlag und war von dessen Inhalt überrascht: Gesamtwerk Kafka, Band zwei, dritte Auflage, übersetzt von Ibrahim Watfe (Vertrieb Alkalemah Verlag und Alhassad Verlag in Damaskus), ich blätterte in dem Band und fand eine Kopie meines oben erwähnten früheren Artikels. Kein Kommentar, kein Vorwurf, kein Gruß, kein Schmerz und kein Hass. Nur ein neues Exemplar (2009) eines gewaltigen Bandes und beigefügt ein früherer Artikel von mir.

     In der Tat bereute ich mein Schreiben jenes Artikels aus zweierlei Gründen: Mein späteres Gefühl für das, was ein Artikel in einem Buch und bei seinem Verfasser bewirkt und die Freundlichkeit, die Ibrahim Watfe mir entgegenbrachte für einen Artikel, der ihn in Misskredit brachte. Deshalb schickte ich ihm einen Dankesbrief und eine Entschuldigung (er hatte meine Mailadresse erfahren und fragte mich nach meiner Postadresse, bevor er das Buch schickte). Aber der Mann, der mir vom Krankenhaus aus schrieb, ich erhielt sogar eine Kopie seines handgeschriebenen Briefes an mich von seiner Frau übermittelt, er zeigte eine große Freundlichkeit und erachtete, was ich geschrieben hatte, als kritische Pflicht. Er erklärte mir, keineswegs gekränkt zu sein, sogar seine Ehefrau hätte sich gefreut über die Nachricht, dass ich sie in meinem Artikel erwähnte. Wie Watfe in seinem Brief berichtete und beim erneuten Durchblättern des Buches ersichtlich, ließ er einige Abschnitte seines Dialogs mit Eschweiler weg, trug den Namen seiner deutschen Ehefrau Anne ein und unternahm einige wenige Änderungen: Was Ibrahim Watfe nicht wusste, ist, dass ich all die Jahre, die meinem Artikel über seine Übersetzung folgten, vergebnes nach den übrigen Bänden suchte. Ich fragte mehrere syrische Verlage und die Antworten waren, dass die Bände vergriffen sind, aber bald wiederverlegt würden.

     Das sind die Fakten. Ibrahim Watfe widmete einen großen Teil seines Lebens der Übersetzung von Kafkas Werk und was noch wichtiger ist, fügte er jedem Band eine Sammlung bedeutender Studien zu, die den Stifter-Romancier und den hervorragendsten Meister des zwanzigsten Jahrhunderts erhellen. Der zweite Band enthält den Roman „Der Prozess“ und einundzwanzig Studien aus aller Welt über diesen Roman allein. Durch diese Studien, die sich von Seite 177 bis Seite 396 erstrecken, erhält der Leser einen tieferen Sinn für den Hintergrund, auf dem Kafka sein Romanwerk aufbaute. Der Roman kann gelesen werden als Einstellung gegenüber dem Polizei-Staat und der Bürokratie, als individuelle Einstellung gegenüber der Macht, es gibt eine Thora-Lesung, eine Lesung im Licht der Autobiographie, im Licht des Schuldgefühls, eine Lesung als moralische  Einstellung, eine Lesung als sei der Prozess das Leben selbst, eine Lesung als Einstellung gegenüber dem Gesetz und andere Lesungen. Diese Übersetzungen (mit den Forschungsergebnissen und Dokumentationen) erhellen Kafkas Welt, diese vielfältige, verzweigte und reiche Welt, obwohl sie auf begrenzte Ereignisse aufgebaut ist und diese Ereignisse nahezu familiärer und persönlicher Art sind. Der Band enthält auch vier Gespräche mit Kafka-Interpreten und –Biographen: Eschweiler, Stach, Jeziorkowski und Fiechter.

     Watfes Bemühungen bei der Übersetzung Kafkas ins Arabische und den Studien über sein Werk gehen über die schnelle, kommerzielle Übersetzung hinaus. Es ist eine Arbeit, die begleitet ist von Anstrengungen, Leidenschaft, Wünschen und das Sich - identifizieren. Ein Einzelner widmet all diese Zeit und Mühe, um einen einzigen Schriftsteller zu übersetzen und Studien und Literatur über ihn zusammenzustellen, das ist eine puritanische Arbeit, die so viel Entsagung  enthält, was Aufmerksamkeit und Lob verdient. Watfe begnügte sich nicht mit Forschung über Kafka im Westen, sondern gab einen weiteren Band heraus mit dem Titel „Kafka in der arabischen Kritik“. Noch einmal, das ist eine Arbeit mit Opfer an Lebenszeit,Zielstrebigkeitund Treue. Eine Arbeit, die an eine andere Arbeit erinnert, die ein Landsmann Watfes leistete: Der Übersetzer Sami Aldrube, der Dostojevskis Gesamtwerk in 18 Bänden übersetzte.

     Ähnelt Watfes Arbeit der Arbeit von Max Brod, der Kafkas Werk entgegen dessen Testament veröffentlichte? Vielleicht sind beide Arbeiten unterschiedlicher Natur, aber gemeinsam haben sie Dank verdient.

     Zum Schluss möchte ich eine kuriose Begebenheit, die ich bezüglich Kafka erlebte, erwähnen: Nachdem ich den „Prozess“, die Studien darüber und Canettis Buch „Der andere Prozess“ zu Ende gelesen hatte, fühlte ich Unruhe in mir und die Angst übermannte mich, ich könnte, wie Kafka, an der Lunge erkrankt sein. Ich fühlte Erstickung, die manchmal eine halbe Stunde lang dauerte. Es waren Tage des Rauchens, der Trunkenheit und des Haschischs. Damals kam mir in den Sinn, Seelenwanderung könnte es in Wirklichkeit geben. Ich bildete mir ein, die Seelen gemarterter Dichter lebten in mir weiter. Einmal glaubte ich Pessoa zu sein, einmal Rilke, bis ich schließlich bei Kafka landete. Ich glaubte, meine Sicht sei ähnlich wie seine, ich meine nicht, wie er das Leben sieht, sondern seinen materiellen, wirklichen Blick. Ich hatte ein altes Haus in der Alhamra Straße gemietet. Anders, als die Häuser in Beirut, hatte dieses schreckliche alte Haus einen Garten, es waren Tage von wirklichem Bankrott und Hunger, ich bewohnte dieses Haus sogar ohne Möbel, ohne Kühlschrank, hatte nur eine zerrissene Matratze. Weil das Haus leer war, sorgte jeder Schritt für ein fürchterliches Echo, selbst tagsüber, wie dann erst in der Nacht? Kurz gesagt: Eines Tages, als ich beim Überlegen war, wie ich durch Erstickung sterben werde wie mein Vorgänger Kafka, trat ich ins Badezimmer und hatte in der Hand eine Zange, um das Türschloss zu reparieren. Ich entfernte die Klinke und während ich versuchte sie zu reparieren, schlug die Tür zu und ich konnte sie nicht mehr öffnen. Ich dachte daran, aus dem Fenster zu springen, aber es war mit einem festen Eisennetz versehen. Ich fing zu schwitzen an, furchterfüllt durch Kafka, den ich mir als Todesengel vorstellte. Endlich und unter kafkaischem Schrecken fing ich an, die Tür mit der Zange zu zerschlagen. Als ich herauskam, streckte ich mich völlig außer Atem auf dem Boden. Seitdem hörte ich auf mit dieser Seelenwanderung.

 

Nazem Elsayad

Al-quds Al-arabi (London), 30.7.2009

 

 


 

 

Das Urteil

 

 ….. Die Frau ist in Kafkas Dichtung gegenwärtig als Widerstandswaffe gegenüber der Macht des Vaters. Kafkas besten Text als Ausdruck für die symbolische, verdichtende Gegenwart der Frau finden wir in der ersten Erzählung Kafkas „Das Urteil“. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass diese Erzählung eine der wunderbarsten Kurzgeschichten, die je geschrieben wurden, ist. Das Schreiben bei Kafka stützt sich auf die Hintergründe seiner persönlichen Geschichte und seiner Beziehungen zum Vater und zur Frau. Die Analyse der Erzählung „Das Urteil“ im Kontext ihrer stilistischen Struktur und ihres geistigen Sinns bedarf eines ganzen Buches speziell für sie allein. Ich glaube, es wurde über keine Erzählung in der Weltliteratur so viel geschrieben, wie über diese Erzählung. Es gibt auch keine andere Erzählung, die wie sie diesen Reichtum  der Interpretationen erlaubt. Bei diesem meinem Urteil stütze ich mich auf die große schöpferische Leistung des syrischen Schriftstellers Ibrahim Watfe, einem Liebhaber Kafkas, der in seiner Welt weltentrückt, noch bevor er der Übersetzer seines Gesamtwerks ins Arabische ist. Bis jetzt erschien ein erster umfangreicher Band von 850 Seiten unter dem Titel „Die Familie“. Er umfasst die Texte: „Das Urteil“, „Der Heizer“, „Die Verwandlung“ und „Brief an den Vater“. Dazu zahlreiche Interpretationen und reiche Kritiken …

 

Farag bu Ascha

„Asharq Alawsat“ (London), 31.8.2002  

 


 

Kafkas Tagebücher

 

Kampf mit der Krankheit, der Einsamkeit und der Literatur

 

(Der letzte Abschnitt des Artikels):

… „Kafka (1883 – 1924) lebte nur 41 Jahre, trotzdem schaffte er ein literarisches Werk, von dem man ohne Übertreibung sagen kann, dass es Teil des Wichtigsten war, was der Anfang des 20. Jahrhunderts kennt; es bestimmt die Moderne des ganzen Jahrhunderts. Es ist auch ein literarisches Werk, von dem der arabische Leser jetzt -endlich- einige der hervorragendsten Teile lesen kann, in ausgezeichneten Übersetzungen, die der syrische, in Deutschland lebende Literat Ibrahim Watfe fertig stellte, und der seit Jahren auf sich nahm, dieses literarische Werk im Arabischen vorzustellen, mit Interpretationen, Erklärungen und kritischen Schriften. Dies bringt Kafka in die literarische Arena zurück, als ob er zwischen uns lebendig wäre“. 

 

Ibrahim Alaris

„Alhayat“ (London), 24.5.2005

 


 

Neuer Kafka

 

… „Vor etwa einem Jahr begann ich ein allgemeines Ziel zu verwirklichen, nämlich die großen Romane, an denen ich hing, noch einmal zu lesen. Ich begann mit Don Quijote in einer neuen Übersetzung. Ich las auch Kafkas Werke in einer neuen Übersetzung, die der syrische Übersetzer Ibrahim Watfe fertigte, der den Texten neuere, ausführliche Studien beifügte. Ich wünsche mir, dass er sein Projekt vollendet, nachdem zwei Bände davon erschienen sind“.

 

Gamal Elghitany

„Ahkhar Saa“ (Cairo), 7.9.2005

 

(Elghitany ist der bekannteste Ägyptische Romancier).

 


 


Kafkas Stimme


… Als ich das „Gesamtwerk“ bekam, das der syrische Schriftsteller und Übersetzer direkt aus dem Deutschen übersetzt hatte, empfand ich Angst, das Buch zu lesen, da es - und es ist nur der erste Teil - achthundertfünfzig Seiten umfasst. Es enthält alles was es gibt und erforscht ist über Kafkas Werk und Leben.

    Normalerweise wird man von einem guten Buch beeindruckt und eine Weile lang bewegt, bis man von den Belastungen des Alltags abgelenkt wird. Das ist das Übliche. Wenn man aber ein Kafka-Buch liest, muss man sich von seinem Selbst vor dem Buch verabschieden, da dieses Selbst nach der Lektüre nicht das Gleiche sein wird. Das liegt daran, dass die Gewalt des Talentes Kafkas im Stande ist, den Leser von innen her zu verwandeln, seine Gedanken neu zu formulieren, seine Visionen zu erschüttern und seine Gefühle zu schärfen, seine Richtungen zu verdrehen und seine Sicht der Dinge zu verändern. Der Leser unterliegt einer Vielzahl von Veränderungen. Er steht vor ungewöhnlichen Herausforderungen, die ihn mit allem konfrontieren, was Kafka betrifft.

    Das Furchteinflößende an diesem Buch ist, dass es endlose Mikrokristalle des Wissens enthält, die durch das Durchforschen nach und nach zu den erwähnten Zuständen zusammenwachsen. Immer wenn wir uns einen großen Kristall aneignen, der groß genug ist, um das Bewusstsein zu festigen, erleben wir, dass er durch eine andere Information wieder zerschlagen wird, die den Sinn, den wir erlangt hatten, widerlegt.

    Dies kommt daher, dass Kafka die verblüffende Fähigkeit besitzt, Zweifel zu wecken und Gewissheiten umzustürzen. Er erkannte seine Lebens- und Schreibwelten und führte Gespräche mit ihnen. Diese Welten verursachen viele Risse in unseren Wertvorstellungen. Die schöpferischen Herausforderungen Kafkas liegen nicht in seiner Konfrontation mit der dichterischen Schöpfung oder dem Leben, sondern zwischen ihnen als vereinigte Gegenteile und ihm als einziger Körper …

 

Fawzia Alsindi

(Alkhaleej, 22.5.2006)


    Alsindi (Bankkauffrau, geb. 1957, hat drei Söhne) ist eine Lyrikerin aus Bahrain und hat sechs Gedichtbände veröffentlicht. Einige ihrer Gedichte wurden in vier europäische Sprachen übersetzt. Sie schreibt für zwei arabische Zeitungen: „Alkhaleej“ (The Gulf) ]Emirate] und „Alwatan“ (Die Heimat) [Bahrain]. Es wurden bereits dreizehn Gespräche mit ihr und achtzehn Aufsätze über ihre Gedichte veröffentlicht.

    Der obige Text ist ein Abschnitt aus einem Aufsatz, der ferner Zitate aus dem ersten Band „Gesamtwerk“ enthält. Der Aufsatz wurde auch in „Alwatan“ (18.6.2006) unter dem Titel: „Betrachten Sie mich bitte als Traum“ veröffentlicht.

 



Kafkas Saat

 

Auf eine Umfrage einer libanesischen Zeitung „welcher nicht-arabische Schriftsteller hat Sie beeinflusst?“ antwortete die syrische Schriftstellerin Maha Hassan: „Es ist schwer, einen Schriftsteller alleine zu nennen. Die Schwierigkeit der Wahl veranlasste mich, mir ein großes Haus mit vielen Zimmern vorzustellen, in jedem Zimmer lebt einer der Schriftsteller, die mich beeinflusst haben, von denen ich einen auswählen soll, um in sein Zimmer einzutreten .Es gibt viele Türen, eine führt zu Sartre, eine andere zu Nietzsche, eine zu Dostojevski, eine andere zu Hermann Hesse (4 weitere Beispiele). Von allen Zimmern würde ich das mir am nächsten liegende auswählen, würde die Tür aufstoßen, auf der steht: Kafka.

Heute, von meinem fernen geographischen Standort aus, jenes Land betrachtend, in dem ich aufgewachsen bin, gelernt habe, das mich beeinflusst hat … Ich glaube, das wichtige Samenkorn, das in mir wuchs, ist Kafkas Samenkorn. Kafka hat mich beeinflusst, weil ich mit ihm vieles teile, besonders seine Beziehung zu seinem Vater. Ich glaube, der „Brief an den Vater“ hat mich im Laufe des Schreibens am meisten beeinflusst. Schließlich glaube ich, unser Lesen und Schreiben ist eine Suche nach dem eigenen Ich. Kafka führte mich zu meinem Ich.

 

Maha Hassan

As-Safir (Beirut), 19.10.2010

 


 

Sehr geehrter Übersetzer Herr Ibrahim Watfe,

meinen Gruß und meine innere Verbundenheit,

ich schreibe Ihnen während ich gerade Ihre wunderbare Übersetzung des Meisterstücks Kafkas „Das Urteil“ lese, das ich noch nicht erreichte, sondern die fünfte Seite vom ersten Kapitel „Hinweise“, dem die Erzählung folgt … Ich sagte mir, ich kann nicht warten, ich möchte diesem Mann schreiben, damit ich ihm sage, was ich zu sagen habe …!!!

Gestern war der erste Tag der Buchmesse in Riad. Der erste Band Ihrer Übersetzung des Gesamtwerks Kafkas gehörte zur ersten Gruppe von Büchern, die ich an jenem Tag kaufte. Dem Inhaber des Al-hassad Verlages sagte ich, ich nehme den ersten Band ohne den zweiten. Er verkaufte beide Bände zusammen. Nach etwas Zögern willigte er ein.

Der Grund dafür, nur den ersten Band zu wählen, ist der, dass ich, oh wie schade!, Kafka vorher nicht gelesen hatte …!!! Ja, aus irgendeinem Grund habe ich Kafka früher nicht gelesen. Ich kenne ihn (genauer, kenne etwas über ihn, da ich keine Arbeit von ihm gelesen habe, sondern nur hier und da etwas über ihn) als einen der großen Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts. Eine Kenntnis vom Hören, oder ehrlich gesagt, eine Kenntnis, die auf  Nicht-Kenntnis beruht … Ich erinnere mich, Mitte der neunziger Jahre kaufte ich eine Übersetzung eines Buches von ihm, der der Übersetzer den Titel „Die chinesische Mauer“ gab. Ich las einige Seiten davon und ließ es liegen. Ich weiß nicht mehr warum.

Jetzt, in Riad, kehrte ich nach Hause zurück und nach einigen Stunden sagte ich mir, ich lese nun ein Buch der Bücher, die ich mitbrachte. Ich wählte Ihre Übersetzung Kafkas. Gut gemacht, ohne Zweifel, da Ihre Übersetzung mich packte, wahrlich von der ersten Seite an, sogar vom ersten Abschnitt:

„Es war an einem Sonntagvormittag im schönsten Frühjahr. Georg Bendemann, ein junger Kaufmann, saß in seinem Privatzimmer im ersten Stock eines der niedrigen, leicht gebauten Häuser, die entlang des Flusses in einer langen Reihe, fast nur in der Höhe und Färbung unterschieden, sich hinzogen. Er hatte gerade einen Brief an einen sich im Ausland befindenden Jugendfreund beendet, verschloss ihn in spielerischer Langsamkeit und sah dann, den Ellbogen auf den Schreibtisch gestützt, aus dem Fenster auf den Fluss, die Brücke und die Anhöhen am anderen Ufer mit ihrem schwachen Grün“. 

Die Worte hier sind wie Pinsel, die malen (auch „in spielerischer Langsamkeit“) die obige Szene … Genau solches Schreiben mit lebendigen Bildern reizt mich. Vielleicht ist das einer der Gründe meiner Bewunderung für das, was Kafka hier schrieb und Sie so schön übersetzt haben. Ja, ich bin ein Mann, der vom Bild ergriffen wird, und auch vom Stil. Es gefiel mir sehr zum Beispiel das Wort „sein Blick umherschweifte“ (Übersetzung des Wortes „sah“).

Vielleicht veränderten Kafka und Sie hier meinen Gedanken (von dem ich nicht weiß, wann er sich in meinem Kopf  eingepflanzte, ohne dass ich Kafka gelesen hatte), dass er eigensinnig im Schreiben ist, wenn dieser Ausdruck erlaubt ist. Vielleicht auch, was ich über „Die Verwandlung“ hörte: Ein Mann erwacht eines Morgens und findet sich zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Vielleicht ist so ein Gedanke zauberhaft und eigenartig und … Vielleicht ist es nur ein falsches Vorurteil oder etwas Nahestehendes …

Dieser Gedanke aber wurde ganz zunichte gemacht beim Lesen des „Urteils“ … Sogar bevor ich die Erzählung zu Ende las, sagte ich mir, ich werde abends zur Buchmesse gehen und den zweiten Band kaufen … Ich sagte, jetzt kann ich Kafka lesen, und das ist ein Verdienst Ihrer wunderbaren Übersetzung. Und so war es. Ich fuhr zur Buchmesse, damit ich Ihren zweiten Band hole …

Es war aber nicht leicht, den Al -Hassad Verlag zu finden. Ich lief mehrmals durch die Messe, bis die Besuchszeit zu Ende war, dann fand ich den Verlag, nahm den Band und begab mich nach Hause. Ich möchte Ihnen nicht verheimlichen, dass ich in dem Buch blätterte und darin las, im Auto, wenn ich bei Verkehrsampel  hielt …

Nachdem ich an diesem Morgen „Das Urteil“ zu Ende las, blätterte ich in dem Band und erfuhr, dass Sie andere Bände übersetzen werden, einen dritten, vierten, fünften, sechsten, sogar einen siebten und achten … !!!

Was können wir tun, außer Ihnen zu sagen, dass eine solche Kraftentfaltung jede  Umschwärmung und Liebe verdient, und dass die arabischen Leser die glücklichsten sind, einen so eifrigen Übersetzer wie Sie zu finden, gleichzeitig aber die Jämmerlichsten sind, die Ihren Einsatz und Ihre Mühe nicht hochschätzten … Oh Scheitern, oh Unglückseligkeit des Arabischen, dass Sie nicht mal einen Verlag fanden, der dieses Gesamtwerk veröffentlicht! … Wie Sie auf den letzten Seiten des ersten Bandes verbittert im Dezember 1997 schrieben, und wie Sie auf der zweiten Seite schrieben: Verleger Ibrahim Watfe/Vertrieb Al-Hassad Verlag“.

Sie schrieben: „Auch Kafkas Übersetzer lebte lebenslang sein ‚Berufsleben’ als kleiner Angestellter, übersetzte in seiner Freizeit, an Feiertagen und in den Nächten, fand aber – im Gegensatz zu Kafka – nicht mal einen Verlag, der bereit ist, dieses ‚Gesamtwerk’ zu veröffentlichen … !!!

Ich schreibe Ihnen ab, was ich über einen anderen Übersetzer schrieb:

Wer von uns hörte den Namen „Dr. Taha Mahmoud Taha“? Wer weiß, wer er ist? Solche Fragen sind ganz berechtigt, wenn wir wissen, dass dieser Mann vierzehn Jahre seines Lebens oder mehr für die Übersetzung eines einzigen Romans ins Arabische widmete …!!! Es ist ein Bitternis, dass man diese Übersetzung in keiner Buchhandlung unserer arabischen Welt findet, und man liest kein Wort über den Übersetzer, bis auf zwei Ausnahmen: Einen Artikel in der Zeitung Al-Hayat und ein Interview in „Al-Zamahn“.

Dr. Taha niederließ sich in Kuwait 18 Jahre lang, wo die Universität ihm ein Stipendium vierzehn Jahre lang gewährte, damit er Ulysses von Joyce übersetzt. Dieser einzigartige Mann verbrachte damit vierzehn Jahre lang.

Ihnen, mein Herr, meine Verbundenheit und meine Hochachtung! Möge Gott uns befreien von dieser Abwesenheit des Geistes, des Zwangs und der Bitterkeit!

Mit meiner innerlichen Verbundenheit,

meinen Grüßen für Sie und für Ihre Frau, deren Unterstützung Sie erwähnen, damit diese wirklichen Bereicherungen

der arabischen Bibliothek das Licht der Welt erblicken.

 

Mit der Hoffnung auf Kommunikation

Essam Essa Rajab

(Lyriker aus dem Sudan) 24.02.2006    

 

 

Sehr geehrter Herr Watfe,

… Erst gestern las ich den zweiten Band „Der Prozess“ zu Ende. Vielleicht wurde ich deshalb davon abgehalten, Dir früher zu schreiben. Ich sagte mir, ich schreibe Dir, wenn ich den zweiten Band von der ersten bis zur letzten Seite zu Ende gelesen habe, wie ich es auch mit dem ersten Band machte. Ich fühle mich berechtigt, dieses Jahr mein Kafka- und Ibrahim-Watfe-Jahr zu nennen. Bevor ich Deine zwei Bände vor zehn Monaten erwarb, kannte ich nur entstellte Bruchstücke über Kafka. Jetzt ist es ganz anders geworden, jetzt kann ich über die Werke, die ich in den beiden Bänden las, kennerhaft reden … dank der seriösen Übersetzung der Werke Kafkas in Deinen beiden Bänden und dank der Studien, die Du auswähltest, wogegen die arabischen, literarischen  „Studien“, die ich zuvor gelesen hatte, im Verhältnis dazu bescheiden zu nennen sind.

Nun kann ich meinen Freunden zum Beispiel über Eschweilers Kapitelfolge des „Prozesses“ und seine Interpretation erzählen…

Lenis „Unfähigkeit zur Ehe als einer persönlichen Partnerschaft drückt Kafka dichterisch durch einen körperlichen Fehler aus: Zwischen dem Mittel- und Ringfinger ihrer rechten Hand spannt sich ein Verbindungshäutchen fast bis zum oberen Gelenk, so dass es ihr unmöglich ist einen Ehering zu tragen“.

Von nur einem glänzenden Abschnitt wie diesem kann ich Eschweilers Zorn und Trauer bezüglich der anderen „Wissenschaftler“, „Akademiker“, „Experten“ und „Interpreten“ verstehen, seine gewaltigen Mühen, die er für die Anordnung und Interpretation des „Prozesses“ auf sich nahm … Gewiss, es wird ihn erzürnen, was Stach schrieb:  „Kafkas Prozessist ein Monstrum …Der Befund bleibt stets derselbe: Finsternis, wohin man blickt“.

Das Arabische wird Deine wertvollen Bemühungen um die Übersetzung von Kafkas Werk und dessen Interpretation und um die wichtigen beiden Gespräche, die Du mit Können mit Eschweiler und Stach führtest, lange Zeit  lobpreisen. Glaub mir, soviel ich Gespräche las, habe ich doch niemals solche guten und kenntnisreichen Gespräche gelesen. Kein Wunder, wer über ein solches umfangreiches Wissen über Kafka verfügt, dessen Gespräche mit Kafkas Interpret und Biograph müssen entsprechend tiefsinnig ausfallen.

Die Lektüre der Studien, die Du der Übersetzung des „Prozesses“ zugefügt hast, war mir ein Genuss, besonders: 1. Der ideale Machtapparat und das Individuum von Karl Sauerland, 2. Des Lesers Selbstverständnis von Martin Walser. 3. Schreibprozess von Detlef Kremer, 4. Das Bett von Klaus Jeziorkowski, 5.  Die Welt als Gericht von Wilhelm Emrich, 6. Die letzte Scham von Heinz Politzer.

Dieses mindert aber keinesfalls meine Wertschätzung für die anderen Studien. Was aber das Kapitel „Der richtige Prozess“ anbelangt, so ist es das Juwel der Juwelen und die Perle der Perlen.

Ich und die anderen Leser können nur ungeduldig auf das Erscheinen der übrigen Bände des Gesamtwerks Kafkas warten. Bis dessen Erscheinen müssten wir die ersten beiden Bände mehrmals lesen, damit wir zumindest einem Teil Deiner Bemühung gerecht werden können. Auch wenn erst lesen und später sicherlich auch noch darüber schreiben.


Essam Rajab

30.11.2006

 


Sehr geehrter Herr Watfe,

möge Gott Ihnen Gesundheit schenken für diese umfangreichen Bemühungen, die Sie bis jetzt in die Übersetzung Kafkas Werks investierten. Ich glaube, Sie brauchen diese Lobpreisung gar nicht, denn wenn ich Sie ein ganzes Jahr lang lobpreisen würde, könnte ich Ihnen und Ihren Bemühungen doch nicht gerecht werden.

Ich möchte Sie nur fragen, ob Ihre Bücher auf der Buchmesse in Bahrain vom 20. bis 29.9.2007 zu finden sein werden, denn nach großer Mühe bei der Suche nach Band Eins und Zwei, fand ich nur Band Eins (Das Urteil, Der Heizer, Die Verwandlung, Brief an den Vater), denn Ihre Bücher erreichten fast alle Buchhandlungen in Bahrain nicht. Das Buch fand ich bei einem Freund in Saudi-Arabien, aber mehrere meiner Freunde versicherten mir, dass die beiden Bände die Buchhandlungen erreichten, es scheint, dass sie vergriffen sind. Wie gesagt, werde ich Ihre Bücher auf der Buchmesse finden? Und wo?


Vielen, vielen Dank

Abdalla Ibrahim Mohammad

Bahrain, 15.9.2007  

 


 

… Und unser Dritter ist Kafka

                                                                                         

(W)

Was ich jetzt noch von ihm sehe, ist seine feine Hand, mit der er am Bahnsteig zum Abschied winkt….Diese seine Hand, die mich vor mehr als einem Jahr zu ihm führte, die eines Tages seine Übersetzung der Erzählung Kafkas „Das Urteil“ niederschrieb. Diese Erzählung war das Erste, was ich von Kafka richtig las, wenn ich einige Übersetzungen und Schreibereien außer Acht lasse, die ich früher da oder dort  gelesen hatte….Beim Lesen der Erzählung „Das Urteil“ fühlte ich, Kafka zum ersten Mal zu lesen.

Im ersten Band von Kafkas „Gesamtwerk“ fand ich auf Seite zwei seine Email-Adresse. Ich sagte zu mir selbst, lass mich ihm einen Brief schreiben, um ihm mitzuteilen, wie sehr eine solche Übersetzung verdient, dass der Leser dem Schreiber sagt: „Das hast du gut gemacht“. Ist das nicht das simple Recht des Schriftstellers gegenüber seinem Leser?! In meinem ersten Brief vom 24. Februar 2006 schrieb ich ihm: „…ich schreibe Ihnen, nachdem ich gerade Ihre wunderbare Übersetzung des Meisterstücks Kafkas (Das Urteil) zu Ende gelesen habe. Und als ich noch nicht einmal die fünfte Seite des Kapitels (Hinweise), das der Erzählung folgt, erreichte, hielt ich es nicht mehr aus, ich musste diesem Mann schreiben, damit ich ihm erzähle, was ich dazu sagen muss…“.

Seine Antwort erhielt ich am gleichen Tag meines Briefes an ihn:

„Ihr Brief vom 24.06.2006 freute mich, er genügt mir vollkommen als Lohn für meine Übersetzung der Erzählung „Das Urteil“, mehr als das wünsche ich mir von meiner Arbeit nicht. Jetzt weiß ich konkret, dass die Worte, die in meinem Geist formuliert wurden, in diesen Tagen in den Geist eines bestimmten anderen Menschen eingehen. Das lässt in mir ein Gefühl von echter Brüderlichkeit entstehen, die ich menschlich nenne. Und ich fühle, dieses ist auch der Sinn, den Kafka suchte: Brüderliche Beziehungen zwischen den Menschen…in einer von Feindschaft und Hass beherrschten Welt“.

Dann wechselten die Briefe zwischen uns, einer oder zwei in jedem Monat. Kafka war unser Dritter in fast allen Briefen.

(A)

Meine Reise nach Deutschland wurde erst am Tag des Abfluges bestätigt. Die Erteilung des Visums für das Land der Germanen braucht in der Regel zehn bis zwölf Tage Zeit, in meinem Fall aber mehr als vierzehn Tage. Grund ist unser sudanesischer Reisepass (neben anderen Pässen der sogenannten Dritten Welt, die vielleicht besser die Zehnte oder Tausendste Welt genannt werden soll!!), von dem einst Atteyeb Saleh sagte, er verursache ihm nicht wenige Unannehmlichkeiten, wenn er damit reist, aber er weiß nicht, warum er darauf besteht, ihn bis jetzt zu behalten. Wenn mein Reisepass ein westlicher und nicht ein orientalischer Pass wäre, hätte ich mein Visum schneller erhalten, nicht wahr?

In der Stadt Neuss (1) kam ich morgens um elf Uhr an nach einer nicht kurzen Reise, die um ein Uhr dreißig am Morgen des Sonntags, den 22. April, begann. Von hier in Er-Riyadh bis Zürich in der Schweiz dauerte mein Flug fünf Stunden, von Zürich bis Düsseldorf im Nordwesten Deutschlands noch einmal eine weitere Stunde. Dann rief mich die Erde, ein Taxi fuhr mich in einer Viertelstunde zu meinem Bestimmungsort Neuss.

(T)

Das Praktikum war sehr intensiv, auch sehr anstrengend, aber gleichermaßen nützlich und lehrreich. Ich fand keine Zeit, an etwas anderes als den Kurs zu denken, außer am Tag meiner Ankunft, da der Kurs erst am folgenden Tag begann und am letzten Tag um zwölf Uhr mittags endete. Am Nachmittag jenes ersten Tages ging ich auf dem Grün spazieren, das sich am Ufer des Rheins entlangstreckte (2), an dem mein Hotel lag. Auf dem Rückweg rief ich Ibrahim Watfe an, erzählte ihm, wie nah ich jetzt sei und dass ich plane, ihn nach dem Kurs zu besuchen. Er hieß mich willkommen, die Beschreibung meines Reiseweges zu ihm schickte er mir per Email.

(F)

Heute ist Samstag, der 28. April. Es ist zwei Uhr am Nachmittag, ich bin im Hauptbahnhof Düsseldorf. Wellen von Menschen gehen an mir vorbei in alle Richtungen. Mädchen und Jungen bewegen sich meistens sehr schnell, als hätten sie irgendeinen Termin. Der Anblick der Mädchen zieht mich an, sie tragen leichte Kleidung, das Leben füllt sie, die Gesundheit macht sie schön. Oder stelle ich mir nur etwas vor, das nicht vorhanden ist, wie der Verfasser der „Saison der Auswanderung nach Norden“ sagte? Nein, ich fülle meine Augen und mein Herz mit ihnen. Ich, der aus der Wüste des Südens kommt, wo die Schwärze die Häupter der Frauen trauernd krönt. Oder:

„Weil ich,

und seitdem die Wüste mich betreten hat

ich die Frauen nicht mehr sehe

(es ist nicht meine Absicht, sie zu ärgern

Oh meine Ungezogenheit, dies konnte ich nie

Jetzt, wie ihr seht, ist die Zeit dafür vorbei)

Immer sehe ich eine Wildtaube,

in Dunkel gehüllt, Kühlung suchend,

da zeigten sich von ihr nicht mal ihre Füße …

Fühle ich jetzt daher,

bin durch zwei geteilt

einer, der von Hymnen erwischt,

er schreibt sie nur notgedrungen …

und ein anderer, der immer fragt

warum diese Straßen so

mit Männlichkeit belastet sind?“

Im Bahnhof trat ich in eine kleine Buchhandlung ein, ihre Erde und ihr Himmel waren gefüllt mit Dutzenden von Zeitschriften, Zeitschriften mit ihrem ganzen Gut und ganzen Schlecht, besonders jenes schöne Schlecht, dessen Name Erotika ist, Porno und so weiter und so fort, Sex!!! Ich lachte für mich allein, stellte mir unsere Lage vor, dort, wo sich die Hand der Zensoren ausstreckt, die die Bilder als „den Anstand und den allgemeinen Geschmack verletzend“ betrachten, die Seite einfach ausreißen, sogar die Buchstaben verbieten, die Zeitungen und Bücher beschlagnahmen, Internetseiten und alles sperren, von dem sie befürchten, dass es klappert. Aber wer gab ihnen das Recht, die Vormundschaft für das zu übernehmen, was ein anderer liest, sieht oder….?
 
Ich verließ den Laden und ging zu Gleis C, wo mein Zug genau um zwei Uhr achtundfünfzig Minuten am Nachmittag warten wird. Ich schaute auf die nicht weit von mir angebrachte Uhr, die zeigte, ich würde noch eine halbe Stunde bis zur Ankunft des Zuges Zeit haben. Ich betrachtete den Bahnhof und die Menschen um mich herum. Da waren zwei junge Liebende, die sich küssten, sich in Küsse vertieften, als ob sie mir sagen wollten: „Betrachte uns lange, weil du uns nicht sehen wirst, wenn du dorthin zurückkehrst…Welch ein Jammer! Sie haben das Recht….!!!
 
Als ich auf die Uhr schaute, erinnerte ich mich an das, was die Leute im Sudan erzählten, dass sie ihre Uhren nach dem Zug stellten, der nie zu spät oder zu früh fuhr. Das war zur Zeit des englischen „Kolonialisten“ und kurz danach. Dann nahmen die Einheimischen, oder einige von ihnen, die Macht. Von da an ging alles rückwärts, bis die jetzige Regierung, die das Land, dessen Menschen und Einrichtungen beherrscht, den Hauptbahnhof in Al-Khartum beseitigen ließ. Vergiss die Abfahrtszeiten, sogar den Zug selbst, mit dem niemand mehr fährt und von dem niemand weiß, wo er sich gerade befindet und wo seine Bahnhöfe in den Städten des Sudans sind.
 
(E)

Nun sitze ich auf einem Platz am Ende eines der Wagen des Zuges in der oberen Etage und bin auf dem Weg zu Watfe. Die verschiedensten Gefühle begleiten mich, das Schönste davon ist, dass ich nun bald einen Mann treffe, den ich nur durch Worte kenne. Aber in einer Stunde werde ich ihn leibhaftig sehen, wie man sagt, nachdem mein Herz ihn schon eine zeit- und liebelang gesehen hat.

Der Zug nimmt seine Fahrt auf und mit ihm fährt das Grüne, das sich auf seinen beiden Seiten erstreckt. Nichts außer Grün, wohin man schaut. Das Lachen der Mädchen in den ersten Reihen wird manchmal offenkundig laut. Heute ist Samstag, ein freier Tag und die Herzen sind sorglos. Im Zug kündigt sich, kurz bevor er einen Bahnhof erreicht, der Name der Stadt an durch Lautsprecher und eine elektronische Anzeige, die den Namen der Stadt beleuchtet. Bald also kommt mein Bahnhof.

Es ist genau vier Uhr und drei Minuten, als der Zug im Bahnhof Bad Godesberg hält (3), wo Watfe wohnt, fünf Minuten von Bonn, der früheren Hauptstadt Deutschlands, entfernt. Ich verließ den Bahnhof, schaute nach links, wie mir Watfe geschrieben hatte. Zwei Taxen warteten dort, ich nahm das erste, zeigte dem Fahrer Watfes Visitenkarte mit seiner Adresse (Straßenname und Hausnummer). Er fuhr mich dorthin. Es war ein kleines Haus, wie die benachbarten Häuser, mit Garten, dessen Grün von vielen weißen Blumen durchzogen ist. Ich las den Namen Watfe an der Haustür, drückte den Knopf, die Tür wurde geöffnet und ich trat ein. Beim Hinaufsteigen der Treppe hörte ich seine Schritte zu mir hinabsteigen.

(K)

…Und ich traf ihn. Er nahm mich bei der Hand und brachte mich in die Wohnung, seine Frau und seine beiden Töchter standen mich willkommen heißend ein paar Schritte von der Tür entfernt auf dem Flur. Ich begrüßte sie mit der Hand. Watfe führte mich ins Wohnzimmer, deutete auf das Sofa in feingrüner Farbe auf der linken Seite und sagte: „Bitteschön hier, wenn Sie möchten“. Das war der zweite arabische Satz, den ich seit einer Woche gehört habe. Dann saßen wir zu viert: Er, seine Frau Madame Anne und seine jüngste Tochter Zakie, während Katharina sich zurückzog (später sagte mir Watfe, sie schreibe gerade an ihrer Magisterarbeit in Ägyptologie). Der Tisch war gedeckt mit Kaffee- und Teekanne, Saftgläsern, Keksen und Kuchen. Eine lange Kerze stand in der Mitte des Tisches….Watfe sagte mir: „Hier treffen wir uns nun. Sehen Sie, wie klein diese Welt ist!“ Ja, sie ist klein, sehr klein. Wer von uns hätte je gedacht, dass wir uns eines Tages treffen würden?! Wie konnte Kafka, der vor dreiundachtzig Jahren unsere Welt verlassen hat, mich nach Bad Godesberg bringen, damit ich Watfe treffe, wie es jetzt der Fall ist?! Kafka schrieb seine Erzählung „Das Urteil“ in der Nacht vom 22. auf den 23. September 1912, ich las sie in der Nacht vom 24. Februar 2006 und treffe ihren Übersetzer am Samstag, den 28. April 2007.

(A)

Etwa eine halbe Stunde lang blieben wir in der Wohnung. Watfe zeigte mir sein Arbeitszimmer. Erst ließ er mich auf seinem Stuhl vor dem Computertisch sitzen und sagte mir: „Hier arbeite ich täglich“. Vom Fenster aus konnte man den Garten und Balkone sehen. Watfe stellte den Computer an und zeigte mir den Bildschirmhintergrund, ein Foto seines Dorfes „Husein Al Baher“ vor vierzig Jahren. Mit seiner Hand zeigte er auf die Oliven- und Orangenbäume, die das Bild füllten und auf einen Fleck am oberen Rand des Fotos, wo sich ein Grundstück, das er besitzt, befindet.

Wir wendeten uns seiner Bibliothek zu. Die meisten Bücher sind deutsch. Zuerst zeigte er mir den großen Teil seines Favoriten Kafka, Kafkas Werke selbst und die Bücher über ihn und seine Werke. Watfe nahm ein Buch in die Hand und sagte mir, es enthalte die gesamten Erzählungen Kafkas, zeigte auf das Datum des Erwerbs dieses Bandes, das Jahr 1963. Watfe sagte: „Dieses Buch ist so alt wie Sie.“ Er nahm ein zweites Buch, ein Geschenk seines Freundes und Kafka-Interpreten Christian Eschweiler (4). Es ist eine Sammlung von Erzählungen verschiedener Schriftsteller, darunter die Erzählung „Vor dem Gesetz“ von Kafka. Watfe sagte mir, ich solle das Erscheinungsjahr sehen und ich sah: 1917.

Er zeigte mir aus der Sammlung der Kafka-Bücher ein dickes Buch von etwa achthundert Seiten und sagte, es sei eine Biographie Kafkas, erschienen im vorigen Jahr 2006. Daneben stand eine andere Biographie, die von Rainer Stach. Watfe erklärte, die neuere Biographie gefalle ihm besser als die von Stach, obwohl er im zweiten Band des „Gesamtwerks“ schrieb, Stach sei der Beste, der eine Kafka-Biographie schrieb. Sicher hat Watfe seine Meinung nach der Lektüre der neueren Biographie geändert.

Ich erzählte ihm, vor etwa drei Monaten eine Kafka-Biographie auf  Englisch erworben zu haben (5). Watfe meinte, Engländer und Franzosen, er erwähnte Camus, waren die Ersten, die Kafka bekannt machten, aber dann traten sie zurück, die Deutschen nahmen die Fahne und wurden Quelle und Beweis im Schreiben über Kafka.

Watfe deutete auf andere Bücher, Gesamtwerk von Brecht, Peter Weiss, Rainer Kipphardt, Hölderlin, Rilke und andere. Dann wandte er sich den arabischen Büchern zu, die da waren alle Werke von Adonis, den er bewundert und hoch schätzt, die Bücher von Almunif, Alsaleh, Alsayyab, Almaghut und andere.

Ich entdeckte zwei Gemälde an der Wand, Watfe sagte mir, sie seien von seiner Tochter Katharina gemalt. Er zeigte mir die anderen aufgehängten Fotos, darunter Bilder seines Geburtshauses in „Husein Al Baher“ und der Gasse, durch die er in seiner Kindheit und Jugend täglich ging.

Eine Zeit der guten Stimmung, dann nahm ich Abschied von Madame Anne, von Zakie und Gibran, der kurz nach meiner Ankunft nach Hause gekommen war.

(F)

Als wir aus dem Haus gingen, meinte Watfe: „Ich zeige Ihnen unsere Stadt Bad Godesberg.“ Ich hatte mir vorgestellt, wir bleiben eine oder zwei Stunden bei ihm in der Wohnung, aber ich freute mich sehr über die Idee, die Stadt zu sehen. Durch Bewegung und freie Räume wird auch unsere Unterhaltung freier, so dachte ich mir und ich glaube, auch Watfe hatte diese Vorstellung. Wir überquerten eine Straße, dann eine zweite, einige Schritte nur, dann kam der Bus. Watfe eilte zu ihm, ich hinter ihm her, ich hörte ihn, wie er sich beim Fahrer entschuldigte, den wir eine Sekunde oder drei Sekunden aufhielten. Wir saßen und der Bus fuhr ab. Watfe zeigte mir eine Fahrkarte und erzählte, das sei eine Jahreskarte, auf der er eine Person kostenlos mitnehmen könne.

Ich erinnerte mich, dass niemand nach meiner Fahrkarte im Zug gefragt hatte. Ich sah nicht einmal einen Schaffner oder eine andere Person vorbeikommen, die die Leute nach einer Fahrkarte gefragt hätten. Als ich das erwähnte, sagte Watfe, ja, so ist es. Ich dachte, ist das System so weit fortgeschritten, dass die Sachen von selbst einfach so gehen, dass keiner dich nach deiner Fahrkarte fragt und du fragst auch niemanden?! Daß du deine Fahrkarte kaufst, weil du weißt, es ist die Gebühr für deine Fahrt. Und die Bahn ist sicher, du wirst dieses tun, es kommt ihr nicht in den Sinn, sie kann nicht einmal denken, du könntest mit dem Zug fahren, ohne eine Fahrkarte gekauft zu haben. Jeder weiß, es ist sein eigenes Land und in seiner Rolle verhält er sich so, damit die Dinge seinem Land zugute kommen, nicht mehr und nicht weniger.

Bevor der Bus kam, deutete Watfe auf ein Haus, das sei der Kindergarten seines Sohnes Gibran gewesen, sagte er. Zu einem Haus mit mehreren Etagen erkärte er mir, das sei ein Altenheim, das den Menschen beherbergt, wenn ein lästiger Gast mit dem Namen Gebrechlichkeit seinen Körper überfällt.

Der Bus fuhr einige Minuten und hielt an verschiedenen Haltestellen an. An einer der Haltestellen stieg ein Bursche mit afrikanischen Gesichtszügen wie meine aus, während vier andere Jungs einstiegen. Sie machten ihm keinen Platz und er wiederum machte ihnen auch keinen Platz, damit sie einsteigen konnten. Es schien so, als ob sie Blicke oder Zeichen austauschten….dann zeigte der afrikanische Bursche auf seinen Hals, machte aus seinem Zeigefinger ein fiktives Messer, um ein fiktives Schlachten anzudeuten…dann lachten sie und der Bus fuhr weiter.

Bald stiegen wir aus dem Bus aus und gingen zum Fluss, dem Rhein, er fliesst auch hier. Auf einer kleinen Höhe neben dem Fluss erzählte mir Watfe von den Orten um uns herum. Der Fluss lag vor uns, rechts davon ein Restaurant mit Aussicht auf den Rhein, links die gegenüberliegende Stadt „Königswinter“ (wie Watfe den Namen übersetzte), zu der wir bald mit der Fähre den Fluss überqueren würden.

Das Grün bedeckte den Ort fast vollständig. Grün, wohin du auch schaust und in allen Richtungen, anders als Mahmoud Darwisch schrieb: „Wüste in allen Richtungen“. Nein, oh Dichter, hier ist Grün und nichts sonst. Grün, das den Fels der Berge bedeckt. Dort, auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses, stand ein hoher Felsen auf dem Gipfel einer der Bergketten. Von weither sah man das Weiß des Felsens. Watfe erzählte, die Deutschen sagen, dieser Felsen steht hier seit der Entstehung der Erde. Ich fotografierte ihn und dachte an einen anderen Felsen, dessen Lob ein sudanesischer Sänger mit dem Namen Alakeb M. Hassan gesungen hat (6):

„Zu diesem Fels kamen wir morgens und abends

Und glücklich erzählten die Liebesgeschichten darauf

Was trennte uns, so dass wir einander Fremde wurden

Wir wünschen und die Wünsche hören heute keinen Ruf“.

Watfe zeigte auf die zwischen den Waldbäumen verstreut stehenden Häuser rechts des Berges, worauf jener Felsen steht und sagte mir: „Zwischen jenen Häusern ist das Haus von Adenauer, der Deutschland von 1949 bis 1963 regierte. Nach seinem Tod wurde er im Garten seines Hauses, das zu einem Adenauer-Museum wurde und von vielen Touristen und Schülergruppen besucht wird, begraben. Watfe erwähnte, dass das Gymnasium seines Sohnes „Konrad-Adenauer-Gymnasium“ heißt. Weiter erzählte er mir: „Etwa drei Kilometer vom Adenauer-Haus entfernt Richtung Süden steht das Haus der Professorin Brigitte Seebacher, der Witwe Willy Brandt´s, der Bundeskanzler zwischen 1969 und 1974 war. Er bewohnte das Haus mit dieser seiner zweiten Ehefrau (im Jahre 1971 erhielt Brandt den Friedensnobelpreis für seine Verdienste bei der Annäherung zwischen den damaligen beiden Gesellschaftssystemen Kommunismus und Kapitalismus). Watfe sagte weiter, Frau Seebacher sei eine wichtige Persönlichkeit in Deutschland, zur Zeit lehre sie politische Wissenschaften an der Universität Bonn und erwähnte, seine Tochter Zakie habe bei ihr im vorigen Semester eine Seminararbeit über den vorletzten Bundeskanzler Helmut Kohl geschrieben.

Watfe zeigte auch auf ein weißes Schloss auf dem Gipfel eines anderen grünen Berges uns gegenüber und sagte, es heißt „Petersberg“ und war Sitz des amerikanischen Kommissars John J. McCloy (7), der Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg regierte. „Petersberg“ wurde vor etwa achtzig Jahren als Hotel errichtet. Später kaufte es die Bundesregierung und nutzte es als Gästehaus. Jetzt ist es wieder ein Hotel und Kongresshaus. Vor einigen Jahren wurde dort eine internationale Afghanistan-Konferenz abgehalten.

Nach einer Weile kam die Fähre. Wer darauf war, stieg aus und ging nach Bad Godesberg. Wir stiegen ein und fuhren nach Königswinter.

Es war eine kleine Fähre, ausreichend für einige Dutzend Leute, einige Autos, Fahrräder und Motorräder. Die Autos fuhren durch eine für sie bestimmte Einfahrt und die Leute passierten ihren Eingang, doch es vermischt sich das Darunter des Eisens mit dem Darüber des menschlichen Geschlechtes nicht. Es ist Ordnung in Allem und in jeder Einzelheit, nichts außer Ordnung. Der Rhein war, an der Stelle, an der wir ihn überquerten, weniger als einen halben Kilometer breit nach meiner Einschätzung. Nur wenige Minuten dauerte es, bis wir in Königswinter ausstiegen.

Am Ufer reihten sich Cafes aneinander. Watfe fragte mich, ob wir in einem davon sitzen wollen, oder auf das Cafe-Schiff gehen. Ich sagte, wir gehen aufs Meer. Es war ein kleines Schiff, das vor Anker lag und zu einem Cafe umgewandelt wurde. Ich trank Cola, während die Sonne des Nachmittags noch am klaren Himmel war.

Wir stiegen aus und gingen auf die Promenade. Watfe erzählte, ich hörte zu, manchmal dachte ich an meine Kamera, fotografierte mal ein Schiff, das den Fluss überquerte, ein Grün, das mein Auge und das Kameraobjektiv ausfüllte oder ich fotografierte Watfe, wenn er vor mir ging oder…..wir kamen an zwei kleinen aus Stein gehauenen Eseln vorbei. Ich stand da, betrachtete sie wie die Touristen, sogar forderte ich meinen Gastgeber auf, mich hier zu fotografieren, was er auch tat.

Wir kamen an einem kleinen Brunnen vorbei, der Junge saß auf dessen Kante mit Fernbedienung in der Hand, mit dem er sein kleines Schiff lenkte. Da dachte ich an meinen Sohn „Muhiie Eddin“ und stellte mir vor, wie er sich riesig freuen würde, neben diesem Jungen zu sitzen  und auch sein Schiff zu lenken.

Ab und zu sagte ich Watfe, die Sachen um mich herum betrachtend: „Was hindert uns dort, unser Leben zu verschönern, wie die Leute es hier tun!“ Seine mitfühlende Antwort war: „Lass das Dort jetzt, lass dein Herz die Schönheit des Hier genießen, wenn auch nur für eine Weile.“ Oh, mein Freund, wenn ich könnte, wenn ich könnte!

Eine Stunde lang oder länger gingen wir in diesem schönen Ort spazieren, manchmal begleiteten uns unsere Gedanken, manchmal verließen sie uns. „Stell dir vor, alles was du vor dir siehst ist mal Trümmer und Scherbenhaufen gewesen, als Deutschland besiegt aus dem Krieg hervorging“, sagte mir Watfe. Es ist der Wille des Menschen, verbunden mit Wissen und richtiger Erkenntnis. Ich wollte ihm das nicht sagen, er kennt es besser als ich. Er, der Auswanderer aus seiner Heimat seit Jahrzehnten. Warum sage ich „seine Heimat“? Schrieb er mir nicht vor einer Weile:

(Ein Ort watana = sich in ihm aufhalten. Watan „Heimat“ = der Ort des Aufenthaltes des Menschen, gleich ob Geburtsort oder nicht = Stelle zum Anbinden von Tieren. Das ist der wörtliche Sinn der Heimat. Aber sie bis fast zum Heiligtum zu verklären, ist das Bedürfnis derjenigen, die unfähig sind, „Heimat“ ihrer Selbst zu sein und dient als Ersatz für diesen Mangel. Ich hänge an jedem Ort, den ich besuche oder in dem ich lebe und ich hänge an jedem Menschen, den ich kennenlerne. Mein Selbst ist meine Heimat. Örtlich lebe ich in einer Heimat: Deutschland, Europa, so wie die ganze Welt meine Heimat ist.

Almutanabbi sah, „Heimat ist, wo die Blütezeit wächst“. Das bedeutet, der Ort, in dem der Mensch in Würde und Freiheit lebt. Ali Ibn Abi Taleb sagte: „Kein Land hat mehr Recht auf dich als ein anderes. Das Beste der Länder ist das Land, das dich trägt“. Lamartine meinte: „Keine Heimat, außer für Hass und Egoismus. Die Brüderlichkeit hat keine Heimat“.)

Gibt es eine Aussage nach dieser Aussage?

Bevor wir Königswinter verließen, zeigte Watfe auf ein Haus dort in Bad Godesberg und sagte, es gehöre einer Familie, die mit Hitler befreundet war, der sie siebenunddreißig Mal besuchte. Ich fragte, wie die Deutschen Hitler sehen. Er antwortete: „Wie sie ihn sehen sollen, als den, der ihr Land und andere Länder zerstörte und….“

(K)

Wir verließen die Fähre in Bad Godesberg, gingen ins Restaurant mit der Aussicht auf den Rhein. Dort saßen wir und Watfe fragte mich, was ich essen möchte. Ich antwortete: „Nichts. Ich glaube, ich bin vom Grün, von Schönheit  und Beeindruckung satt geworden. Was brauche ich Essen? Ich bestellte ein Glas Tee. Ein kleines Mädchen ging vor unserem Tisch vorbei, sie schob ihren kleinen Puppenwagen vor sich her, stand uns gegenüber, nahm ihre kleine Puppe aus dem Wagen, hob sie vor uns hoch und lispelte Worte, aus denen uns ihre Unschuld und Frische klar wurden.

Ich fragte Watfe, ob jemand von den arabischen Medien nach einem Interview mit ihm fragte. Er sagte, warum soll ein Kafka-Übersetzer Interviews geben? Solche hat Kafka nie gegeben (8).

Während wir uns unterhielten, erschien überraschend Gibran, sein Vater strahlte über das ganze Gesicht mit reiner väterlicher Freude und bat ihn, mit uns zu sitzen. Er entschuldigte sich aber und streckte mir das Buch „Lustige Liebesgeschichten“ von Milan Kundera in englischer Übersetzung, das ich im Haus meines Gastgebers vergessen hatte, entgegen. Dann verabschiedete er sich und ging. Ich dachte daran, dass Watfe mir erzählt hatte, die Universitäten in Deutschland erlaubten auch jedem Nicht-Studenten, Bücher aus ihrer Bibliothek auszuleihen (9).

Wir blieben nicht mehr lange, es war fast sieben Uhr geworden, als wir das Restaurant verließen und in Richtung Bahnhof gingen.

(A)

Als ob der Bahnhof ihn an das Verlassen der Heimatländer und Auswanderungen erinnerte, sagte Watfe mir: „Von einigen unserer großen Schriftsteller sagt dir jeder, er lebe in einem Exil, obwohl er zwei Jahrzehnte lang und länger außerhalb seines Abstammungslandes in einem anderen Land lebt, das ihm genau das gab, was das erste ihm vorenthalten hat“ (10). Ich aber dachte an seinen Freund Eschweiler, deshalb fragte ich ihn nach ihm. Er antwortete, Herr Eschweiler sei zur Zeit auf einer Reise in Südfrankreich und fügte hinzu: „Erinnerst du dich an die linke Ecke vom Sofa, wo ich dich sitzen ließ? Genau dort sitzt Eschweiler, wenn er uns besucht.“

Ich stieg in den Zug, wählte einen Platz und sogleich fuhr er ab. Ich winkte dem am Bahnsteig stehenden Watfe zu. Seine feine Hand, mit der er mir verabschiedend zuwinkte, ist das Letzte, was ich von ihm sah. Winkte mir aber nicht noch eine zweite Hand zu? Doch. Es ist die Hand unseres Dritten, Kafka. Er lächelte in vollkommener Reinheit, die ganze Szene betrachtend, als ob er in seinem brennenden Geist schrieb, damit sie ein Teil irgendeiner Erzählung wird, die er in einem Augenblick der großen Sehnsucht nach Tinte schreibt. Ich lächelte ihn an und sagte ihm: „Wir wussten, dass Sie mit uns sind, seitdem sich unsere Hände zum ersten Mal berührten, genau so wie Sie unser Dritter waren, seitdem Watfe sich vor vier Jahrzehnten mit Ihnen anfreundete und seitdem er mich zu Ihnen führte vor einem Jahr, zwei Monaten, vier Tagen und neunzehn Stunden, oder…..“

 

Essam Essa Rajab

Al-Doha Magazine (Heft Nr. 32,  Juni 2010), Katar

 

(1) „Neuss“: Eine kleine Stadt, Fläche 99,48 km2, Einwohner 151589 (im Jahre 2005), liegt am westlichen Ufer des Rheins gegenüber von Düsseldorf, gegründet im zwölften Jahrhundert vor Christus. Sie ist einer der deutschen Städte, die im zweiten Weltkrieg ganz zerstört wurden. Jetzt aber siehst du sie und dein Herz wird nur von Gefühl der Schönheit und des Friedens erfüllt.

(2) „Der Rhein“: Er ist der bekannte Strom, der in den Alpen in der Schweiz entspringt, fließt quer durch Deutschland, Frankreich, Holland und mündet in der Nordsee. Er ist 1390 Kilometer lang, ist einer der längsten und wichtigsten Flüsse Europas.

(3) „Bad Godesberg“: Bildet den südlichen Teil Bonns, die frühere Hauptstadt Deutschlands, ist fünf Minuten mit dem Zug von Bonn entfernt, wurde im Jahre 1969 in Bonn eingemeindet, die Fläche beträgt 31,97 Quadratkilometer, Einwohner 70525 (im Jahre 2004), liegt wie Neuss am westlichen Ufer des Rheins gegenüber des Siebengebirges, entstand im Jahre 722. Als Bonn Hauptstadt war, beherbergte Bad Godesberg viele Ministerien, Botschaften, Konsulate, wissenschaftliche Institute und industrielle Unternehmungen.

(4) „Christian Eschweiler“: Er ist derjenige, der die Kapitel des Kafka Romans „Der Prozess“ neu geordnet hat, anders, als bisher geschehen. Er interpretierte den Roman tiefsinnig und einzigartig in seinem Buch „Kafkas unerkannte Botschaft“. Watfe übersetzte das Buch komplett und veröffentlichte es mit anderen Studien über den „Prozess“. Hier muss erwähnt werden, dass Watfes Übersetzung des Romans das erste Erscheinen in allen Sprachen der Welt nach Eschweilers Neuordnung der Kapitel ist.

(5) Das Buch heißt „Kafka“, von Nicholas Murray, erste Auflage im Jahre 2004, Verlag Braun Litl in Britanien, 440 Seiten.

(6) (Fünf Zeilen über den sudanesischen Sänger).

(7) „John J. McCloy“: Er ist der amerikanische Kommissar für Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg. Er sorgte dafür, dass eine zivile Regierung zustande kam und legte die ersten Bausteine für den Wiederaufbau Deutschlands, industriell und wirtschaftlich.

(8) Einmal schrieb mir Watfe: „Der Philosoph Heidegger hat sein Leben lang ein einziges Interview gegeben und nur, nachdem er die Bedingung stellte, dass das Interview erst nach seinem Tod veröffentlicht wird. So war es. Das einzige Ziel des Interviews war, den Vorwurf der Parteinahme für die Nazis zu verneinen. Kafka gab nie ein Interview“.

(9) Bei uns im Sudan verbietet man Nicht-Studenten die Universitäten zu betreten. Am Eingang sitzen Wächter, die dich fragen, ob du Student, Professor oder Angestellter bist. Sonst kehre zurück, woher du kamst.

(10) Diese Aussage kreuzt sich mit dem, was Amin Maalouf  in seinem Buch „Die tödlichen Identitäten“, das von Nahla Beidun ins Arabische übersetzt wurde, schrieb: „… Ich entdecke, dass Personen von `unserer Seite`, mit denen ich nicht viel Gemeinsames habe, und dass Personen von `ihrer Seite`, mit denen ich sehr nah fühle, existieren“.